Matthias Schrader „Es ist Zeit, die digitale Welt vor sich selbst zu retten“

Matthias Schrader „Es ist Zeit, die digitale Welt vor sich selbst zu retten“

Satte 3,6 Milliarden Konsumenten können nun weltweit auf das Internet zugreifen. Das entspricht einer Marktdurchdringung von 49% und hat auch in der digitalen Wirtschaft zu einer intensiven Diskussion über den Datenschutz geführt. Ein Thema, das auch Matthias Schrader beschäftigt: Gründer und CEO von SinnerSchrader, eine der führenden Digitalagenturen Deutschlands und inzwischen Teil von Accenture Interactive. CMO.com sprach mit Schrader über die Zukunft datenbasierter Geschäftsmodelle.

CMO.com: Die Öffentlichkeit wird immer kritischer, wenn es um datenbasierte Geschäftsmodelle geht. Ist das nur eine Momentaufnahme oder ein nachhaltiger Trend?
Schrader: Ich gehe sogar noch weiter und behaupte, dass wir vor einer grundsätzlichen Zäsur stehen. Es geht dabei im Kern um die Rollenverteilung zwischen Mensch und Technologie: Werden digitale Angebote geschaffen, um ihren Nutzern zu helfen – oder sind wir bloß Produzenten von Daten, um werbebasierte Geschäftsmodelle zu ermöglichen?

CMO.com: Ist Deutschland hier ein Sonderfall oder erleben wir eine weltweite Sensibilisierung im Umgang mit und Schutz von Daten?
Schrader: 
In Deutschland war und ist die Sensibilität bei Privacy und Security sicher besonders stark ausgeprägt, aber Innovationen wie Künstliche Intelligenz dringen so schnell und massiv in die Lebenswirklichkeit der Konsumenten ein. Inzwischen ist überall die Einsicht eingekehrt, dass die sozialen und ökonomischen Auswirkungen von Technologie alle Menschen betreffen und nicht nur spezifische Branchen oder Lebensbereiche.

CMO.com: Was sind die wichtigsten grundlegenden Fragen, denen sich Unternehmen in der digitalen Wirtschaft in diesem Zusammenhang stellen müssen?
Schrader: 
Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass die Technologie einer Gesellschaft die Entwicklung ihrer sozialen Struktur und ihrer kulturellen Werte bestimmt. Aber muss es nicht umgekehrt sein? Unternehmen müssen sich also fragen, ob ihre technologischen Innovationen dem Zweck dienen, Kunden die bestmögliche Erfahrung zu bieten. Wir sollten darum den Menschen wieder stärker in den Fokus der digitalen Entwicklung rücken.

CMO.com: Die Debatte wird von Experten auch unter dem Begriff „Digitaler Humanismus“ geführt. Was ist darunter zu verstehen?
Schrader: 
Heute denken wir oft entweder an eine kommende Singularität von Mensch und Technik oder an eine ewige Dualität zwischen Mensch und Maschine. Beides ist falsch. Skeptiker und Technologiekritiker, wie Andrew Keen, sind davon überzeugt, dass wir als Menschen an der Spitze der technologischen Innovation stehen sollten, um zu verstehen, was geschieht und den Wandel reflektiert voranzutreiben zu können. Technologie bedeutet immer auch Verantwortung und ist lediglich Mittel zum Zweck. Autor Tim Leberecht formuliert es so: „In der Digitalisierung vermuten wir die grenzenlose Chance zur Weltverbesserung, aber verkennen die unsichtbare Dehumanisierung. Es wird Zeit für einen neuen Gesellschaftsvertrag – zwischen Mensch und Maschine.“

CMO.com: Andrew Keen ist Sprecher auf der kommenden NEXT Conference. Ist sein aktueller Buchtitel "How to Fix the Future" die Inspiration für das Veranstaltungsmotto “Digital Fix – Fix Digital“ gewesen?
Schrader: 
Der Titel beschreibt aus unserer Sicht sehr treffend eine der zentralen Aufgaben von Wirtschaft und Gesellschaft. Unser Motto spielt natürlich auch mit den verschiedenen Bedeutungen des Begriffs Fix. Wir suchen nach der Reparatur von etwas, das aus unserem Leben nicht mehr wegzudenken ist. Darin spiegelt sich für uns gleichermaßen die riesige Herausforderung und die nicht weniger große Notwendigkeit, diese Probleme zu beheben. Oder anders ausgedrückt: Es ist Zeit, die digitale Welt vor sich selbst zu retten.

Nächstes Thema

Artikel

Podcasts: Was ist dran am aktuellen Hype?

Artikel

7 Arten, wie Marken ihre Stories auf Instagram erzählen

Aus dem Blog

Mehr erfahren