Die Verlagswelt schlägt ein neues, digitales Kapitel auf

Die Verlagswelt schlägt ein neues, digitales Kapitel auf

Dem Börsenverein des deutschen Buchhandels zufolge hat die Branche im vergangenen Jahr 9,28 Milliarden Euro umgesetzt und ist damit im Vergleich zu den Vorjahren stabil geblieben. Der digitale Wandel rüttelt dennoch an den etablierten Geschäftsmodellen der Verlage und bietet neuen Akteuren die Möglichkeit, in den Markt zu drängen.

Unbound ist ein solches Unternehmen, das das althergebrachte Modell der Verlage durch eine direkte Verbindung zwischen Lesern und Autoren aufmischen möchte. Es funktioniert nach dem bekannten Crowdfunding-Prinzip. Lektoren entscheiden, ob ein Buch Potenzial hat. Ist dies der Fall, veröffentlicht der Autor eine Beschreibung seines Buchprojekts auf der Website des Unternehmens. Leser, die möchten, dass das Buch veröffentlicht wird, können dann spenden und erhalten im Gegenzug besondere Erlebnisse, wie die Angabe ihres Namens auf der Rückseite des Buches oder sogar ein Treffen mit dem Schriftsteller. Sobald die Finanzierung steht, wird das Buch veröffentlicht.

Leser und Autoren verbinden
John Mitchinson ist Mitbegründer von Unbound. Seiner Meinung nach bietet das Crowdfunding-Prinzip nicht nur eine ganze Reihe von Vorteilen, sondern ist auch eine fairere Lösung für die Autoren: „Bei Unbound klingelt die Kasse nur, wenn auch der Autor etwas bekommt. Der Gewinn geht zu 50 Prozent an den Autor und zu 50 Prozent an uns.“ Was die Schriftsteller besonders freuen wird, ist die Tatsache, dass sie auch bei ihrem Text das letzte Wort haben. „Das Buch wird so veröffentlicht, wie der Autor das möchte und nicht wie die Marketingabteilung eines Verlags es ihm vorschreibt“, so Mitchinson weiter.

Seit seiner Gründung im Jahr 2010 hat das Unternehmen mehr als 265 Bücher veröffentlicht. In diesem Jahr brauchte eines der Bücher nur sieben Stunden, um das Finanzierungsziel zu erreichen. „Das schnelle Wachstum von Unbound zeigt, dass wir mit unserer Theorie richtiglagen, dass durch die direkte Verbindung von Autor und Leser bislang ungenutzte Energie freigesetzt wird“, sagt Mitchinson. „Mit Crowdfunding lernt eine ganze Generation von Kreativen, wie sie ihre Ideen und Geschichten entwickeln und direkt vermarkten können.“ Der Verlagsleiter kündigt auch an, dass sich das Unternehmen in mehrere Richtungen weiterentwickeln werde und bereits einen Fuß in die Welt der Podcasts und Hörbücher gesetzt hat.

Der Einband macht das Buch
Wie in vielen Branchen spielen Daten nun auch im Verlagswesen eine wichtige Rolle. Sie helfen insbesondere dabei, die Leser besser zu verstehen. „Beim Verlegen von Büchern waren schon immer Bauchgefühl, der eigene Geschmack, Moden und ähnliche Dinge ausschlaggebend“, so Andrew Rhomberg, Gründer von JellyBooks. Sein Unternehmen hat sich darauf spezialisiert, Daten über das Leseverhalten zu sammeln und zu analysieren. „Wir möchten erreichen, dass sich das Verlagswesen stärker auf Daten und Analysen stützen kann. Dazu wollen wir herausfinden, wer welches Buch liest, um jedes Buch dem richtigen Publikum zu präsentieren.“

JellyBooks verdankt seine Entstehung der Tatsache, dass Verleger das Leseverhalten der Kunden besser verstehen wollten. Laut Rhomberg enthalten E-Book-Daten zwar Informationen darüber, ob ein Leser ein Buch tatsächlich bis zur letzten Seite gelesen hat. Zugänglich sind solche Daten aber nur den Branchenriesen wie Google, Amazon und Apple. „Die einzigen Daten, die in den meisten Verlagen vorliegen, sind die Verkaufszahlen der Bücher. Über Benutzerdaten verfügt fast keiner, nicht mal zu den eigenen Büchern.“

JellyBooks erhebt daher E-Book-Lesedaten von verschiedenen Drittanbieter-Apps. Rhomberg beschreibt dieses Konzept als „Google Analytics für E-Books“. Die aufgenommenen Daten werden dann für die Verlage – darunter Penguin Random House und Simon & Schuster – analysiert, visualisiert und interpretiert.

Zu den beliebtesten Analysen gehört der A/B-Test von Einbänden. Anhand dieser Daten können Verleger zum Beispiel abschätzen, wie die Aufmachung eines Buches auf den Kunden wirkt und ob er es Anderen weiterempfehlen wird. „Das Cover hat eine unglaublich starke psychologische Wirkung auf Leser. Weil das hauptsächlich unterbewusst abläuft, merken sie aber gar nicht, dass sie vom Einband beeinflusst werden“, betonte Rhomberg. „Verlage können mit diesem Wissen also Buchcover entwerfen, die den Umsatz, die Zufriedenheit und das Weiterempfehlungspotenzial maximieren.“

Wie KI die Erwartungen des modernen Lesers erfüllt
Auch bei Booktrack stützt man sich auf Daten. Zu den Investoren des Unternehmens gehört der PayPal-Mitbegründer Peter Thiel. Booktrack arbeitet mit künstlicher Intelligenz (KI), um spielfilmartige Soundtracks für Hörbücher zu entwickeln. Früher war so eine Produktion unsagbar teuer. Paul Cameron, Gründer von Booktrack, ist der Ansicht, dass sich das Hörbuch weiterentwickeln muss, um den Erwartungen der Kunden auch weiterhin gerecht zu werden. „Die Hörer wollen nicht nur Erzählungen, sondern ein modernes Soundtrack-Erlebnis, das sie tiefer in die Handlung hineinzieht. Nur die Kosten dafür sind viel zu hoch.“

KI analysiert die Stimme des Sprechers und den Text der Geschichte und entwirft eine Hintergrundmusik, die zu Tonfall, Gefühlszustand und Spannungskurve im Handlungsverlauf passt. Dafür werden Spracherkennung und maschinelles Lernen auf die mehr als 100.000 Soundtracks angewendet, die sich bereits auf der Booktrack-Plattform befinden.

Mithilfe von KI kann so innerhalb von nur fünf Minuten ein ganzer E-Book-Soundtrack entstehen. Ein Studio bräuchte dafür normalerweise zwei Monate und die Produktion würde nach Camerons Schätzungen mindestens 20.000 Dollar verschlingen. Momentan ist man bei Booktrack damit beschäftigt, der Nachfrage von Verlagen – wie HarperCollins, Hachette und Canelo – nach Hörbuch-Soundtracks gerecht zu werden. Gleichzeitig untersucht das Unternehmen Möglichkeiten, KI auf andere Weise zu nutzen, zum Beispiel für Videos oder Virtual Reality.

Die schrittweise Disruption des Verlagswesens soll Autoren und Lesern gleichermaßen zugutekommen indem das Leseerlebnis immer weiter verbessert und die Wünsche der Leser schneller und genauer erfüllt werden. Es sieht in der Tat so aus, als hätte die „zunehmend Bestseller-gesteuerte“ (Mitchinson) Verlagsbranche ein neues Kapitel aufgeschlagen.

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